Ich habe eine Freundin, welche mit unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden arbeitet. Gerne biete ich ihr meine Webseite für den heutigen Blog an. Sie möchte die Menschen in der Schweiz daran erinnern, dass es sehr vielen Menschen zur Zeit schlecht geht. Und wir, die wir uns so um unsere Kinder kümmern und wollen, dass es ihnen gut geht, vergessen manchmal, wie viele Kinder auf der Flucht sind. Und wir vergessen, wie viele Mütter und Väter nicht wissen, wo ihre Kinder sind und ob es ihnen gut geht. Sei es, weil sie sie auf der Flucht verloren haben, sei es, weil das nötige Geld für die Schlepper nur für das Kind gereicht hat. Das ist für uns Mütter und Väter eine kaum erträgliche Vorstellung. Das Schreiben meiner Freundin ist ein Aufruf an uns alle zu handeln. Dort zu handeln, wo jeder Einzelne es vermag.

Die Situation 

Die UNO fordert, Länder wie Serbien und Griechenland müssten die Flüchtlinge angesichts der eisigen Kälte mehr unterstützen. Diese Nachrichten erreichen uns in unseren warmen Stuben und wir begrüssen diese Forderung nickend.

Doch vielleicht können wir auch einen Schritt zurückstehen, die Perspektive erweitern und uns fragen, wie es überhaupt dazu kommt, dass schon der zweite Winter Menschen auf der Flucht nach Europa trifft. Sicher, viel wurde schon getan. Auch in der Schweiz sind neue Initiativen zur Unterstützung von Flüchtlingen entstanden, Private nehmen Leute bei sich auf, die Kirchen und Hilfswerke sind nach wie vor sehr aktiv.

Vielleicht hängt es mit der Art der Berichterstattung zusammen, dass wir weniger davon erfahren. Lassen wir uns nicht abstumpfen, sondern setzen wir uns angesichts der Tatsache, dass Menschen in Zelten erfrieren und immer wieder Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, für weitere sofortige Hilfe ein.

Wir reden von Flüchtlingsstrom und ja, ein Strom fliesst unentwegt und kann mitreissende Kraft entwickeln und Angst machen. Die Erinnerung an das Beispiel Deutschland, wo sich die offene Aufnahme von Flüchtlingen zur Belastungsprobe entwickelt hat, wird wach.

Taten statt Worte tun Not

Doch, erinnern wir uns an Mani Matters Lied „Dene wo’s guet geit, gieng’s besser, gieng’s dene besser, wo’s weniger guet geit“. Das Wissen ist schon lange vorhanden und in jedem neuen Augenblick können wir zu handeln beginnen – jetzt, jetzt, jetzt. Wir brauchen neue Lösungen und wir meinen, sie beginnen bei der humanitären Hilfe, um menschliches Leid zu lindern, statt durch Grenzschliessung und Forderungen an andere Länder zu vermehren.

Die kürzlich ausgestrahlten DOK-Sendungen „die Weltverbesserer“ zeigen, dass auch einzelne Menschen etwas in Gang bringen können. Das können wir erst recht, wenn wir zusammenstehen und mutig nächste Schritte machen, damit Europa nachziehe. Für die Menschen, die in Serbien und Griechenland in ungeheizten Zelten ausharren, weil Europas Tore verschlossen sind, ist ‚Blackout’ nicht eine theoretische Auseinandersetzung mit der Möglichkeit, sondern tagtäglich bitterer Ernst.

Wir schreiben uns Humanität auf die Fahne und sind eines der wohlhabendsten Länder. Die Nationalbank hat eben einen Gewinn von 1,5 Mrd. Franken an die Kantone ausgeschüttet. Gewinn hat etwas mit globaler Wirtschaft zu tun und entsprechend mit Verantwortung, was auch Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, mit einschliesst. Stellen wir uns also vor, dass ein Teil dieses Geldsegens für humanitäre Zwecke eingesetzt wird: Was denkbar ist, ist auch möglich!

Die Busse in Aleppo, die tausende von Flüchtlingen aus der Stadt fahren oder Kreuzfahrtschiffe für Flüchtlinge sind Beispiele für wirksame Hilfe vor Ort. Wir verfügen über alles, was es braucht, um diese Menschen aus ihrer lebensbedrohlichen Situation zu holen – tun wir es! Lasst uns unsere Anliegen vertreten, weitertragen und publik machen, lasst uns bestehende Netze verdichten, Ideen und vorhandene Möglichkeiten miteinander verknüpfen, um die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Und wenn die Bewegung zum Strom wird, können wir das Ziel erreichen, im Zeichen der Menschlichkeit.

Barbara Locher

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