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Kranksein, ein Luxus?

Kranksein in der Leistungsgesellschaft

Mich hat die Grippe erwischt

In dieser Saison erwischte es mich wieder einmal. Die Grippe hatte mich in ihren Klauen und zwang mich ins Bett. Ich lag also im Bett und litt fürchterlich, wenn ich mich nicht gerade in einem Dämmerzustand irgendwo zwischen den Welten befand. Mein Kopf drohte zu platzen, die Hitze darin war unerträglich, sämtliche Glieder schmerzten und jede Bewegung war mit grosser Anstrengung verbunden. Jedes Mal, wenn ich das Bett verlassen wollte, klappten die Beine unter mir weg. Was für ein schrecklicher Zustand.

Kleine Bedürfnisse kranker Menschen

Als ich so im Bett lag, mehr tot als lebendig, hatte ich  sehr viele kindliche Bedürfnisse. Wobei ich mich natürlich heute frage, ob diese Bedürfnisse wirklich kindlich waren oder einfach nur menschlich. Ich wünschte mir, dass jemand an mein Bett treten würde, mir eine kühle Hand auf die Stirne legte und mir ungefragt meinen Lieblingstee mit Honig bringen würde. Vielleicht würde die hilfreiche Fee sogar fragen, ob sie mir etwas vorlesen sollte, ob ich lieber in Ruhe gelassen, ob ich lieber im Dunkeln oder im Hellen liegen möchte.

Wie war das mit meinen Kindern?

Als es mir wieder ein bisschen besser ging und ich überhaupt wieder denken konnte, versuchte ich mich an die Krankheiten meiner Kinder zu erinnern. Wie viele Kinderkrankheiten hatten wir doch zusammen durchgestanden, wie oft kamen sie fiebrig vom Spielen heim, wie oft hatten sie einen schrecklichen Husten oder eine Magen-Darm-Grippe. Jedes Mal durften sie sich ins Bett kuscheln und wurden verwöhnt. Mein Mann und ich versuchten, ihnen die Wünsche von den Augen abzulesen und diese zu erfüllen. Wir lasen ihnen unzählige Bücher vor. Ich bin Astrid Lindgren noch heute dankbar für die kurzweiligen Momente, die wir mit ihren Geschichten verbringen durften. Die Kinder von Bullerbü begleiteten wohl alle Kinderkrankheiten und auch Michel von Lönneberga und Pippi Langstrumpf versüssten die kranken Tag. Der Geruch von Tee mit Honig und Zwiebeln hing dabei immer in der Luft. Viele angenehm warme, heilende Wickel begünstigten den Heilungsprozess. Die Kinder erfuhren in diesen Zeiten ungeteilte Aufmerksamkeit und absolute Zuwendung.

Unsere Kinder erlebten das Kranksein nicht nur als unangenehmer, schmerzender, lästiger Zustand, sondern als Situation der Zuwendung, des Dienens und der Liebe.

Leistungsgesellschaft

Wie oft habe ich aber von Eltern gehört, dass es nicht drin liege, dass ihr Kind krank sei. Einerseits konnten sie nicht so lange von der Arbeit fern bleiben und zu einem kranken Kind schauen, andererseits durften die Kinder nicht so lange in der Schule fehlen. Zu gross wäre die Gefahr, dass sie dadurch zu viel Stoff und den Anschluss verpassen könnten. Viele Eltern begründeten dadurch ihren Entscheid für Impfungen, Antibiotikakuren und Einsatz von fiebersenkenden Mitteln.

Kranksein, ein Luxus?

Wir Erwachsenen haben verinnerlicht, dass es oft nicht wohlwollend aufgenommen wird, wenn wir an unserem Arbeitsplatz fehlen. Wir sind wohl auch so sozialisiert worden: Fehlen ist nicht gut und könnte sanktioniert werden. So gehen wir alle arbeiten, auch wenn wir krank sind. Wir nehmen dabei keine Rücksicht auf unsere Mitarbeiterinnen, Kunden oder Mitreisenden. Wenn unsere Mitarbeiter dann wegen uns krank werden und vielleicht nicht zur Arbeit kommen können, ist das  deren Problem. Wir waren ja da, standen stramm auf der Matte, fühlten uns unersetzlich und überlegen.

Kranksein ist zum Luxus geworden. Sich zurückziehen, entspannen, orientieren, sich ergeben, eintauchen, vertiefen, erholen, regenerieren, Kraft sammeln, Widerstand aufbauen, gesunden…. liegt nicht mehr drin. Wir sind schlechte Vorbilder. Indem wir nicht mehr krank sein dürfen, dürfen es auch unsere Kinder nicht mehr. Werden wir uns bewusst, welche Erfahrungen wir ihnen dadurch vorenthalten.

 

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