Keine Schule – fehlende Sozialisierung?

Ergibt das Zusammensein von 20 gleichaltrigen Kindern eine natürliche Sozialisierung?

1. „Wie wird denn das Kind sozialisiert, wenn es nicht zur Schule geht?“

Immer, wenn Menschen erfahren, dass ein Kind nicht zur Schule geht, taucht sofort die Frage auf: „Wie wird das Kind denn sozialisiert?“
Wie traurig ist es doch, dass die Gesellschaft heute der Überzeugung ist, dass Sozialisierung nur in der Institution geschehen kann. Auch wird mit der Frage klar, dass Kinder scheinbar vor dem Schuleintritt asoziale Wesen sind und nun endlich sozialisiert werden müssen.

Doch ist ein Zusammensein von zwanzig gleichaltrigen Kindern eine natürliche Situation?

2. Findet in einem Klassenzimmer wirklich die Sozialisierung statt, die gewünscht ist?

Erinnern wir uns doch einmal an unsere eigene Schulzeit: War das Zusammensein im Klassenverband immer angenehm und unseren Bedürfnissen als Kinder entsprechend? Hat das Zusammensein mit zwanzig Gleichaltrigen, welche wir uns nicht ausgesucht haben, zu unserer sinnvollen Sozialisierung beigetragen?
Oder war es eher so, dass wir uns oft schützen mussten, unser Wesen verstecken wollten und manchmal einfach nur froh waren, uns zuhause von dieser Art Sozialisierung erholen zu können?
Könnte es sein, dass wir uns nach ein paar Schuljahren ein Leben ohne alle diese gleichaltrigen Schulkameraden gar nicht mehr vorstellen konnten, weil wir einfach nichts anderes mehr kannten.
War es nicht so, dass wir nur mit ein paar wenigen Kindern aus der Klasse wirklich etwas zu tun hatten und der Rest der Klasse uns herzlich egal war, weil wir sie gar nicht richtig kannten und auch kein Interesse an ihnen hatten.


3. Sozialisierung im Schulzimmer

Was nach ein paar Jahren Kindergarten oder Schule wirklich mit uns geschieht,  nennt man Gleichaltrigkeitsorientierung (nach Gordon Neufeld). Das heisst, dass sich das Kind in einer solchen Umgebung an den anderen Kindern orientiert, da ihm ja nichts anderes übrig bleibt.
Natürlich wäre eine Orientierung an den Älteren, Wissenden, also den Erwachsenen.
Da wir aber alle auf diese Art sozialisiert worden sind, „leiden“ wir Erwachsene ebenfalls unter dieser Gleichaltrigkeitsorientierung und meinen, dass diese Art der Sozialisierung normal sei.

4. Echte Sozialisierung

Bei einer menschengerechten Sozialisierung findet das Kind eine Umgebung vor, in der es von Menschen verschiedenen Alters umgeben ist: Da sind die Eltern, jüngere und ältere Geschwister, die junge Tante, der ältere Onkel, die Grosseltern, die Nachbarn, die Kinder der Nachbarn, das Baby der Tante, der ältere Cousin, die Verkäuferin im Laden, der Gärtner, der im Garten die Rosen schneidet, die Bäuerin, welche die Eier vorbei bringt und viele anderen Menschen mehr.
Indem das Kind mit allen in Kontakt tritt, sich vom Gärtner inspirieren lässt, mit der Grossmutter „Eile mit Weile“ spielt, das Baby wickeln hilft, den älteren Cousin ärgert, die Bäuerin begrüsst, mit ihr plaudert und ihr die Eier bezahlen darf, der Verkäuferin im Laden zuhört, wie sie bei einer Kundin über die unerzogenen Jugendlichen  beklagt und sich immer wieder an den Eltern orientiert, welche aufzeigen, welche Werte ihnen wichtig sind, wird es sozialisiert.

Wir verwechseln heute echte Sozialisierung mit Gleichaltrigkeitsorientierung und Disziplinierung!

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