Beobachtungsposten für Elternverhalten

Mein neues Zuhause besitzt eine grosse Terrasse, von wo ich Elternverhalten gut beobachten kann. Wenn ich am Tisch sitze und hinunter schaue, dann blicke ich auf die Fussgängerzone. Dieses Beobachten der Fussgänger ist äusserst verlockend. Kaum ein Fussgänger blickt hinauf. Alle wähnen sich unbeobachtet. So kann ich ungestört einem gewissen Voyeurismus frönen. Direkt unter meinem Balkon hat es einen Brunnen. Der ist so gestaltet, dass das hinausfliessende Wasser eine grosse Pfütze bildet, was eine grosse Anziehungskraft auf Kinder ausübt. So kann ich viele Mütter oder Väter beobachten, die mit ihren Kindern bei dieser Pfütze verweilen.

Der Anziehungsort

Rund um die Pfütze hat es kleine Mäuerchen, die die Kinder einladen, darauf herumzuklettern. Und die Pfütze fordert die Kleinen dazu auf, sich hineinzustürzen, mit Wasser zu spritzen oder sich einfach hineinzulegen.

Was mich nun natürlich besonders interessiert, ist, wie sich die jeweiligen Eltern gegenüber ihren plantschenden und kletternden Kindern verhalten. Denn der Brunnen befindet sich, wie gesagt, nicht in einer Badeanstalt, sondern in einer Fussgängerzone. Die Kinder sind also nicht in den Badehosen.

Da gibt es nun Mütter oder Väter, die verzweifelt versuchen, ihre Kinder davor zu bewahren, vollkommen nass zu werden. Dieses Unterfangen, das meist erfolglos ist, erzeugt bei allen Beteiligten grossen Stress und Unzufriedenheit. Andere Eltern wiederum scheinen unendlich gestresst durch die Kletterübungen ihrer Sprösslinge. Wohlgemerkt, der höchste Punkt der abgeschrägten Mäuerchen ist ca 50cm hoch.

Zwei Beispiele

Gerne schildere ich nun zwei sehr typische Beispiele:

Beispiel 1

Da war eine Mutter mit zwei Kindern im Alter von ungefähr zwei und fünf Jahren. Den Älteren liess sie einfach so machen. Der kletterte ein bisschen unbeholfen auf den Mäuerchen rum und spazierte artig mit seinen Wassersandalen im Wasser herum.

Das kleine Mädchen wollte unbedingt auch auf das Mäuerchen klettern und wurde von der Mutter konsequent davon abgehalten. Als es sich ins Wasser setzen wollte, packte die Mutter das Kind am Arm und hob es hoch. Immer wieder versuchte das Mädchen ins Wasser zu rennen, wurde aber von der Mutter vorher erwischt und davon abgehalten. Für mich war es nicht ersichtlich, ob sie verhindern wollte, dass die Kleider des Kindes nass wurden oder ob sie Angst hatte, dass das Kind im Wasser ertrinken könnte. Das Wasser ist nicht tief und könnte wohl nur ganz kleinen, unbeobachteten Kinder zum Verhängnis werden. Der Wasserplausch endete mit einem Geschrei, das noch weit weg hörbar war und mit Frust für die Mutter und die Kinder.

Auffällig für mich war, dass die Kinder motorisch eher ungeschickt und unsicher wirkten.

Beispiel 2

Am nächsten Tag beobachtete ich einen Vater mit zwei Kindern im gleichen Alter. Das dritte lag schläfrig im Buggy.

Die beiden Kinder stürzten sich auf das Wasser und kletterten auf den Mäuerchen herum. Der Vater stand gelassen davor und war mit seiner Aufmerksamkeit aktiv dabei. Die Kinder hatten eine viel grössere motorische Sicherheit als die Kinder vom Vortag. Das jüngere Mädchen kam dann plötzlich auf die Idee, den Scooter zu nehmen und diesen mit auf das Mäuerchen zu schleppen. Es wollte mit dem Scooter über das abgeschrägte Mäuerchen sausen. Gespannt wartete ich darauf, wie der Vater reagieren würde. Dieser schaute weiterhin voller Ruhe zu.

Die Kleine war etwas unstabil auf dem Scooter und konnte wohl die Breite der Mauer nicht richtig einschätzen, so dass es zu einer Bruchlandung kam. Sie stürzte erst weit unten und der Fall war harmlos. Sie erschrak und schaute sofort zu ihrem Vater. Dieser kam ruhig auf sie zu, bückte sich zu ihr runter und wartete, bis sie wieder aufgestanden war. Dann hob der den Scooter wieder auf die Mauer und wartete. Das geschah alles ohne Worte. Doch es war ersichtlich, dass das Mädchen voller Vertrauen in den Vater war und der Vater voller Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Tochter. Das Mädchen kletterte sofort wieder auf die Mauer und fuhr ein zweites Mal runter; diesmal erfolgreich!

Als alle genug hatten, entfernten sie sich gemütlich und zufrieden von dieser kleinen Oase. Die Kinder zogen eine Wasserspur hinter sich her. Die herrschende Temperatur würde die Kinder schnell wieder trockenen lassen.

 

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