Hirngerechte Schule – ein Entwurf

Wie könnte eine neue, den heutigen Erkenntnissen der Hirnforschung entsprechende Schule aussehen?

Bildung sollte altersunabhängig für alle Menschen jederzeit verfügbar sein und den momentanen Bedürfnissen entsprechen. Es darf kein Druck und Zwang zum Lernen ausgeübt werden. Jeder Mensch ist frei, sich so zu bilden, wie es ihm entspricht. Diese Recht hat keine Alterseinschränkung. Es gilt auch für Kinder.

Wie würde eine solche Bildungslandschaft aussehen?

Wir richten unsere Schulhäuser so ein, dass die einzelnen Räume einem Thema entsprechen. Da gibt es z.B. einen Mathematik-, einen Sprachen-, einen Physik-, einen Werk-, einen Musik-, einen Bewegungsraum und vieles mehr. Die Lehrerinnen und Lehrer sind jeweils für einen Raum zuständig und haben das dazu gehörende Fachwissen. Es ist selbstverständlich, dass viel selbsterklärendes Material und entsprechende Computerprogramme zur Verfügung stehen. Lernende wollen selber herausfinden, experimentieren und studieren. Sollten sie in einem Thema Fachhilfe beanspruchen, so steht ihnen der Lehrer hilfreich zur Seite. Es ist auch die Lehrerin, welche die Lernenden berät, was das geeignete Material oder der Schwierigkeitsgrad betrifft. Das Lehrpersonal ist verantwortlich für das Material und achtet darauf, dass es immer vollzählig und aktuell ist.

Wie sehen die Menschen in einem solchen Schulzimmer aus?

Da sind grosse und kleine, junge und alte Menschen zusammen. Das Alter spielt keine Rolle. Vielleicht interessiert sich der 70 jährige Grossvater gerade für Algebra. Auch der 12 Jährige ist gerade mit Gleichungen beschäftigt. Sie tauschen ihr Wissen aus und versuchen, gemeinsam eine schwierige Aufgabe zu lösen. Sollten sie auf Probleme stossen, die sie selber nicht bewältigen können, dürfen sie den Lehrer rufen, der ihnen die nötige Hilfestellung gibt, damit sie an ihrem Problem selbständig weiterarbeiten können.

Internet als Kommunikationshilfe

In der heutigen Zeit ist es auch kein Problem, sich in Lerngruppen zu verbinden. Via Internet können sich Lerngruppen bilden. Eine Gruppe Interessierter trifft sich dann für ein bestimmtes Thema zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Die Gruppe organisiert sich selber und bestimmt auch die Regeln selbständig.

Disziplinierung?

Da in einer solchen Bildungswelt der Zwang zur Bildung wegfällt, ist auch nicht damit zu rechnen, dass man disziplinarische Schwierigkeiten hat. Die Menschen treffen sich ja mit echten Lernbedürfnissen, die sie erfüllen wollen.

Würden die Lehrer und Lehrerinnen arbeitslos?

Nein, es wird sie weiterhin brauchen, um sinnvolles Material herzustellen, zu organisieren, zu sichten und die Lernenden in ihren Lernbemühungen zu unterstützen.

Es wird wohl weniger Heilpädagogen und Sozialarbeiter brauchen, da die Kinder ihrer Entwicklung und ihrer Bedürfnisse gemäss lernen können und dadurch wohl weniger Lernblockaden und Verhaltensauffälligkeiten entstehen.

Ivan Illich

Gerne beschliesse ich diesen Blog mit einem Zitat von Ivan Illich, dessen Streitschrift „Entschulung der Gesellschaft“ mich zu diesem Beitrag angeregt hat:

„Ein gutes Bildungswesen sollte drei Zwecken dienen: Es sollte allen, die lernen wollen, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens Zugang zu vorhandenen Möglichkeiten gewähren; es sollte alle, die ihr Wissen mit anderen teilen wollen, ermächtigen, diejenigen zu finden, die von ihnen lernen wollen; schliesslich sollte es allen, die der Öffentlichkeit ein Problem vorlegen wollen, Gelegenheit verschaffen, ihre Sachen vorzutragen. Ein solches System würde die Anwendung verfassungsmässiger Garantien auf das Bildungswesen erfordern. Lernende sollten weder dazu gezwungen werden, sich einem obligatorischen Curriculum zu unterwerfen, noch sollten sie danach unterschieden werden, ob sie ein Zeugnis oder Diplom besitzen oder nicht.“

(Ivan Illich, Entschulung der Gesellschaft; eine Streitschrift, 1972, München, S. 109

 

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